Die Erfindung des Kaffees — was Legende ist
Ein äthiopischer Ziegenhirte, dessen Tiere nach roten Beeren zu tanzen beginnen: Die berühmteste Geschichte des Kaffees ist erst 800 Jahre nach ihrem angeblichen Ereignis aufgeschrieben worden. Was bleibt, wenn man die Legenden abzieht?
Die Geschichte geht so: Im Hochland von Kaffa, irgendwann um das Jahr 850, bemerkt der Ziegenhirte Kaldi, dass seine Tiere nach dem Fressen bestimmter roter Beeren nicht schlafen, sondern die halbe Nacht umherspringen. Er probiert selbst, wird von einem Mönch getadelt, der die Früchte ins Feuer wirft – und aus dem Feuer steigt ein Duft, der alles verändert.
Es ist eine perfekte Geschichte. Sie hat einen Helden, Tiere, einen Zufall und eine religiöse Wendung. Sie steht in unzähligen Büchern, auf Kaffeeverpackungen und an den Wänden von Cafés. Nur eines ist sie vermutlich nicht: wahr.
Der Hirte, den es nie gab
Die früheste bekannte Niederschrift der Kaldi-Legende stammt aus dem Jahr 1671. Sie findet sich in einer lateinischen Abhandlung des maronitischen Gelehrten Antoine Faustus Nairon, gedruckt in Rom – rund 800 Jahre nach dem angeblichen Ereignis und weit entfernt von Äthiopien. In der äthiopischen Überlieferung selbst taucht Kaldi nicht auf.
Das macht die Erzählung nicht wertlos, aber es ordnet sie ein: Sie ist eine europäische Ursprungserzählung aus einer Zeit, in der Kaffee in Europa gerade Mode wurde und man eine Herkunftsgeschichte brauchte. Vergleichbare „Entdeckung durch Tiere“-Motive gibt es in vielen Kulturen; sie sind ein wiederkehrendes Erzählmuster, kein historischer Bericht.
Eine Geschichte, die erst Jahrhunderte später und im falschen Land aufgeschrieben wird, ist kein Beleg – sondern ein Hinweis darauf, wie gern Menschen Ursprünge erzählen.
Was die Pflanze verrät
Wo die Schriftquellen schweigen, spricht die Genetik. Coffea arabica ist keine gewöhnliche Art, sondern eine natürliche Kreuzung aus zwei anderen: Coffea canephora, die wir als Robusta kennen, und Coffea eugenioides. Bei dieser Kreuzung verdoppelte sich der Chromosomensatz – der Grund, warum Arabica 44 Chromosomen trägt, die meisten anderen Kaffeearten aber 22.
Eine 2024 veröffentlichte Genomstudie datiert diese Kreuzung auf einen Zeitraum vor mehreren hunderttausend Jahren, lange vor jeder menschlichen Nutzung. Sie zeigt außerdem, wie schmal die genetische Basis der Art ist: Alle heute angebauten Arabica-Pflanzen gehen auf wenige Vorfahren zurück. Das erklärt ihre Anfälligkeit für Krankheiten – und macht die wilden Bestände im Südwesten Äthiopiens so wertvoll.
Diese Bestände, in den Bergwäldern von Kaffa, Sheka und Bench Maji, sind der einzige Ort, an dem Arabica von Natur aus wächst. So viel ist also gesichert: Der Kaffee stammt aus Äthiopien. Nur eben nicht wegen eines Hirten.
Bevor es ein Getränk war
Der zweite verbreitete Irrtum ist die Annahme, Kaffee sei von Anfang an ein Aufguss gewesen. Überliefert sind aus Äthiopien mehrere ältere Nutzungsformen, die zum Teil bis heute fortbestehen:
- Die zerstoßenen Bohnen wurden mit Fett oder Butter zu haltbaren Kugeln verarbeitet – eine kalorienreiche, wach machende Reiseverpflegung.
- Aus Blättern und getrockneten Fruchtschalen wurden Aufgüsse zubereitet; die Schalenvariante ist im Jemen als Qishr bis heute verbreitet.
- Das Fruchtfleisch der reifen Kirschen wurde schlicht gegessen. Es schmeckt süß, ähnlich einer Dattel.
Der geröstete, gemahlene, aufgebrühte Kaffee, den wir meinen, ist also eine späte Form – und sie entstand aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in Äthiopien, sondern auf der anderen Seite des Roten Meeres.
Der erste sichere Beleg
Die früheste glaubwürdige Quelle zum Kaffeetrinken ist eine arabische Handschrift aus der Mitte des 16. Jahrhunderts: Umdat as-safwa fi hill al-qahwa des Juristen Abd al-Qadir al-Dschaziri. Er schreibt keine Legende, sondern eine juristische Verteidigungsschrift – Kaffee war umstritten, und al-Dschaziri sammelte, wer ihn wann eingeführt und gebilligt hatte.
Sein Bericht führt in den Jemen des 15. Jahrhunderts, zu den Sufi-Orden. Genannt wird Muhammad al-Dhabhani, ein Gelehrter aus Aden, gestorben um 1470, der den Gebrauch des Getränks aus Äthiopien kannte und ihn unter Sufis verbreitete. Der Zweck war praktisch: Die nächtlichen Andachten mit ihren langen Rezitationen verlangten Wachheit.
Der Kaffee beginnt seine dokumentierte Karriere nicht als Genussmittel, sondern als Hilfsmittel der Frömmigkeit. Nach Ralph S. Hattox, Coffee and Coffeehouses
Von den Klöstern wanderte er in die Städte. Und damit begann der Ärger: 1511 ließ der Statthalter von Mekka, Chair Beg, Kaffee verbieten – weniger wegen des Getränks als wegen der Orte, an denen es getrunken wurde. Dort versammelten sich Menschen, redeten, spotteten, dichteten. Das Verbot wurde aus Kairo wieder kassiert. Es war der erste von vielen Versuchen, ein Getränk zu verbieten, weil man die Gespräche fürchtete.
Woher das Wort kommt
Beliebt ist die Herleitung von der Region Kaffa. Sie klingt überzeugend, gilt in der Sprachwissenschaft aber als unsicher. Wahrscheinlicher ist der Weg über das arabische qahwa – ein Wort, das ursprünglich Wein bezeichnete und auch für „das, was den Appetit nimmt“ stand.
Von dort führt die Kette weiter über das osmanisch-türkische kahve zum italienischen caffè, ins Niederländische und schließlich ins Deutsche. Dass ausgerechnet ein Wort für Wein auf ein alkoholfreies Getränk überging, hat eine gewisse Ironie – vermutlich wurde es wegen der anregenden Wirkung übertragen.
Der Weg in die Welt
Aus dem Jemen wurde über den Hafen al-Muchā exportiert, dessen Name als „Mokka“ überlebt hat. Die Ausfuhr war streng geregelt: Bohnen durften das Land nur behandelt verlassen – geröstet oder abgebrüht –, damit sie nicht keimen konnten. Ein Monopol, das etwa zwei Jahrhunderte hielt.
Gebrochen wurde es in mehreren Schritten. Niederländische Händler brachten ab 1616 lebende Pflanzen außer Landes und begannen gegen Ende des Jahrhunderts mit dem Anbau auf Java. 1714 gelangte ein Setzling als Geschenk an Ludwig XIV. nach Paris; von dessen Nachkommen brachte der Marineoffizier Gabriel de Clieu 1723 einen nach Martinique. 1727 erreichte der Kaffee Brasilien – jenes Land, das heute gut ein Drittel der Welternte stellt.
Was in dieser Erzählung meist fehlt: Der weltweite Siegeszug des Kaffees war untrennbar mit Kolonialherrschaft und Sklaverei verbunden. Die Plantagen der Karibik und Brasiliens wurden von verschleppten Menschen bewirtschaftet. Wer die Geschichte des Kaffees als Abenteuergeschichte erzählt, erzählt sie halb.
Fünf hartnäckige Legenden
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Legende
Der Ziegenhirte Kaldi entdeckt den Kaffee
Erstmals 1671 in Rom aufgeschrieben, rund 800 Jahre nach dem angeblichen Geschehen. Keine äthiopische Quelle kennt ihn.
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Legende
Kolschitzky eröffnet das erste Wiener Kaffeehaus
Das erste belegte Wiener Kaffeehaus-Privileg erhielt 1685 der Armenier Johannes Diodato. Die Kolschitzky-Erzählung entstand später und wurde im 19. Jahrhundert populär.
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Legende
Papst Clemens VIII. tauft den Kaffee
Die Geschichte, der Papst habe das „Teufelsgetränk“ gekostet und gesegnet, findet sich in keiner zeitgenössischen Quelle.
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Teils belegt
Baba Budan schmuggelt sieben Bohnen nach Indien
Dass Kaffee im 17. Jahrhundert nach Südindien gelangte und dort in den Hügeln von Chikmagalur angebaut wurde, ist gesichert. Die Person und die Zahl Sieben gehören zur Überlieferung.
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Umstritten
„Kaffee“ kommt von der Region Kaffa
Sprachlich näher liegt das arabische qahwa. Die Ähnlichkeit zu Kaffa könnte Zufall sein.
Woher wir das wissen
Die Geschichte des Kaffees ruht auf vier Arten von Quellen, und es lohnt sich, sie auseinanderzuhalten:
- Arabische Handschriften wie die al-Dschaziris – die ältesten und wichtigsten Zeugnisse, oft juristische Texte, weil der Kaffee umstritten war.
- Osmanische Verwaltungsakten, etwa Steuerregister und Verbotsdekrete. Trocken, aber verlässlich: Was besteuert wird, existiert.
- Europäische Reiseberichte, beginnend mit dem Augsburger Arzt Leonhard Rauwolf, der 1573 in Aleppo ein schwarzes Getränk namens „Chaube“ beschrieb – die erste gedruckte europäische Erwähnung.
- Naturwissenschaftliche Befunde, von Prospero Alpinis botanischer Beschreibung 1592 bis zu heutigen Genomanalysen.
Legenden sind deshalb so zählebig, weil sie besser erzählbar sind als Quellenkritik. Ein tanzender Ziegenhirte bleibt hängen, eine jemenitische Rechtsschrift nicht. Wer aber weiß, woher sein Kaffee kommt, trinkt ihn anders – und das gilt für die Geschichte genauso wie für die Herkunft der Bohne.
Quellen
- Ralph S. Hattox: Coffee and Coffeehouses. The Origins of a Social Beverage in the Medieval Near East. University of Washington Press, 1985.
- Abd al-Qadir al-Dschaziri: Umdat as-safwa fi hill al-qahwa, um 1558 (handschriftlich überliefert).
- Antoine Faustus Nairon: De saluberrima potione Cahue seu Cafe nuncupata discursus. Rom 1671.
- Leonhard Rauwolf: Aigentliche Beschreibung der Raiß inn die Morgenländer. Laugingen 1582.
- Prospero Alpini: De plantis Aegypti liber. Venedig 1592.
- Salojärvi u. a.: The genome and population genomics of allopolyploid Coffea arabica. Nature Genetics, 2024.
- Mark Pendergrast: Uncommon Grounds. The History of Coffee and How It Transformed Our World. Überarbeitete Ausgabe 2010.
- Royal Botanic Gardens Kew: Angaben zu Wildbeständen von Coffea arabica.